Gefühle sind Motherfucker

Erforsche deine Gefühle, sagen die Therapeuten. Lerne dich kennen und drücke deine Gefühle aus, sagen sie. Gefühle werden als die heimlichen Garanten für Glück und Erfolg beworben. Wer mit seinen Gefühlen im Reinen ist, der sucht nicht das Glück. Er hat es bereits.

In einer Welt, die so stark durch den Verstand geprägt, und in der das Gefühl lange Zeit abgewertet und verdrängt wurde, machen diese Ratschläge Sinn. Wer sich nicht fühlen kann, bleibt sich selbst fremd. Wer durch Affekte gesteuert ist, dem fehlt innere Freiheit. Nicht ohne Grund, habe ich viele Jahre meines Lebens der Entdeckung, der Beschreibung, der Auslebung meiner Gefühle gewidmet und ich begrüße diese allgemeine Hinwendung zum Gefühl.

Jedoch, und das ist hier die wichtige Botschaft: Deine Gefühle können dich in die Irre leiten. Du solltest nicht alles glauben, was du denkst und fühlst!

Die Entdeckung der eigenen Gefühle mag ein wichtiger Schritt sein, aber ohne zu wissen, wie Gefühle entstehen und welchen Einfluss ich selbst auf sie nehmen kann, ohne eine Ausbildung von Gefühlskompetenz, bleibe ich kindlich fühlend. Dann werde ich plötzlich wütend und muss das unbedingt meinem Gegenüber an den Kopf knallen, oder fühle mich niedergeschlagen, weil mein Partner nicht liebevoll genug zu mir war.  

Wer nicht sieht, dass Gefühle immer ein Produkt der eigenen Wahrnehmung sind, der eigenen Deutung, der eigenen Art zu denken, der muss Gefühle als etwas von außen kommendes, oder zumindest durch das Außen hervorgerufenes empfinden. Ich werde dann ärgerlich, weil der Bus zu spät kommt und merke nicht, dass ich ärgerlich werde, weil ich mir womöglich selbst zu wenig Zeit für den Weg zugestanden habe.

Gefühle neigen dazu, uns ihre eigene Wirklichkeit fanatisch aufzudrücken: Weil ich ärgerlich bin, glauben ich, dass ich einen objektiven Grund für Ärger habe. Und wenn ein Gefühl aktiv ist, dann fällt es uns oft schwer, dieses als eine Möglichkeit der Wahrnehmung und Deutung zu sehen. Wir meinen, es erzählt uns etwas über die objektive Wahrheit.

Natürlich erzählen uns Gefühle sehr, sehr viel. Nur meistens erzählen sie uns etwas anderes, als das was wir meinen von ihnen zu verstehen. Denn Gefühle sagen zu allererst etwas über mich selbst aus. Über meine Werte, über meine Glaubenssätze, über meine Vorstellung über die Welt, über meine Erwartungen an die Zukunft.

Wir wissen heute, dass Gefühle unser Handeln weit mehr beeinflussen, als wir Vernunftsmenschen glauben wollen. Und wir wissen auch, dass es Gefühle nur im Gesamtpaket gibt. Wer gerne intensiver fühlen möchte (um z.B. glücklicher zu sein), der bekommt alle Gefühle zu spüren: die schönen und die schweren. Wer fühlen will, wird leiden. Das Leid gehört zum Gesamtpaket dazu. Ob ich das will, oder nicht. Wer in seinem Leben schon einmal Liebeskummer hatte, der weiß, wie motherfucker grausam Gefühle zuweilen sind.

Gefühle sind wie süße Drogen, wenn es Glücksgefühle oder Gefühle der Verliebtheit sind. Diese Zustände ziehen uns magisch an. Wir alle sehnen uns danach und viele folgen jeder klitzekleinen Verheißung. Aber Gefühle sind auch wie dreckige Drogen, wenn sie dich runterziehen oder aggressiv machen. Wenn sie dir vorgaukeln, dass nur deine Wahrheit die Wahrheit ist.

Gefühle – positive wie negative – können hochgradig Besitz ergreifend sein und sie können uns Dinge tun lassen, die wir – mit Abstand betrachtet – lieber nicht getan hätten. Sie waren uns dann keine guten Berater.

So schön und nötig die Entdeckung der Gefühle ist, so wichtig ist ihre Relativierung. Du bist nicht dein Gefühl. Du bist viel mehr als das. Und du hast die Möglichkeit, deine Gefühle zu gestalten. Du musst nicht über jedes Stöckchen springen. Du kannst wählen.

Und schon gar nicht können Gefühle als Begründung dienen, warum dein Gegenüber im Unrecht ist. In fast jedem Streit, den ich bei einem Paar schlichte, wird diese Annahme sichtbar. Nach dem Motto: ich bin wütend, weil du… ich bin traurig, weil du nicht… Nein, damit verharren wir letztlich in der gemütlichen Annahme, dass der andere sich ändern soll. Aber Tatsache ist, du kannst nur dich selber ändern. Du kannst lernen in Streit-Situationen andere Gefühle in dir zu erzeugen und anders zu Handeln.

Könntest du dich distanzieren von deinem unmittelbaren Gefühl, dann würden dir die Perspektiven der anderen womöglich genauso einleuchten wie deine eigenen. Und genau darum geht es: Fühle deine Gefühle, hege und pflege sie und gib ihnen Worte. Finde einen angemessenen Ausdruck. Teile deine Gefühle mit vertrauten Menschen. Aber glaube nicht, dass deine Gefühle die Wahrheit über die Welt (oder deinen Partner) erzählen.

Einzig und allein erzählen sie von dir.

Aufmacherbild: Robot face-cc_by_2Ralf_Steinberger