Offenheit ist die Quelle aller Liebe

Da ist dieser junge Student. Ich sehe nur seine Augen. Strahlende, wache, geheimnisvolle Augen. Er fragt mich: „Wollen wir ins Kino gehen? Da gibt es so einen Film, Liegen Lernen, über einen Mann, der die Liebe sucht. Oder Kill Bill, der neue Tarantino, der jetzt in die Kinos kommt? Heute wäre das oder am nächsten Donnerstag?“

Ich höre seine Worte kaum, aber ich höre mich antworten: „Ich geh mit dir ins Kino. Egal, in welchen Film!“. Es ist mir egal, was wir tun. Ich möchte nur JA sagen. Ja, ich will mit dir etwas unternehmen. Ja, ich will dich kennenlernen. Ja, ich will in diese unfassbaren Augen schauen! Verliebtheit, die uns überfällt. Die aus heiterem Himmel das Kommando übernimmt. Die alles relativiert, was einem zuvor wichtig war.

Wenige Tage später warte ich am S-Bahn-Gleis auf mein Date. Als ich den blonden Haarschopf beschwingt auf mich zulaufen sehe, frage ich mich plötzlich: Ist das der Mann? Ist das der Mann, dem ich jetzt mein Herz schenke? Und als wir uns zur Begrüßung in den Arm schließen ist es um mich geschehen. Da ist eine so große Wärme und Freundlichkeit, ein herrlicher Geruch und einfach alles anziehend und faszinierend. Wir laufen los durch die kalte Stadt und landen in einem winzig kleinen Kino, dem Sputnik am Südstern. Der Film ist trivial. „Liegen lernen“ ist eine Geschichte über einen Mann, der keine Worte hat für seine Gefühle und der sich vergebens um das Herz einer Frau bemüht. Irgendwann landen sie im Bett miteinander, aber die Liebe finden sie nicht.

Ich allerdings schon. Wir sitzen ganz hinten. Da wo keiner was sieht. Und als sich unsere Münder berühren und ich diese warmen, weichen, verspielten Lippen kosten darf, da schmeckt es wie das pralle Leben: Verheißungsvoll, einladenden. Ich kann alles in diesen Lippen finden, was ich ersehne: Zuwendung, Zartheit, Wildheit, Ungestümes und Verletzliches.

Im Anschluss an den Film harke ich mich ein bei diesem Mann und frage: gehen wir zu mir oder zu dir? Einigermaßen überrascht reagiert der, denn wenige Stunden zuvor hatte ich ihm noch erzählt, dass ich keinen Sex mehr haben will, dass ich meinen Ex noch liebe und dass ich sowieso niemals mehr für einen anderen Menschen verantwortlich sein will. Ich hab Glück. Denn meine Abneigung gegen Verbindlichkeit und Verantwortung stößt auf Verständnis. Ich darf einfach so sein wie ich mich gerade fühle und mein Gegenüber jubelt trotzdem! Einfach, weil ich da bin. No strings attached.

„Ich will mich nicht verstelle müssen“, erkläre ich meinem neuen Freund. „Ich will keine Beziehung und niemanden, der von mir etwas verlangt. Schon gar keinen Sex.“ Ich hatte mich gerade aus einer längeren Beziehung gelöst, weil mein damaliger Partner beim Sex andere Bedürfnisse hatte als ich. Und ich wollte auf keinen Fall mehr irgendetwas tun, was ich dem andere zuliebe tue und was mir selbst vielleicht sogar schadet.

Wir reden und reden. Verblüfft stellen wir beide fest, dass wir in unseren vorherigen Beziehungen regelmäßig und durchaus konsequent unsere Partner betrogen hatten. Die Monogamie schien uns zum Scheitern verurteilt. Aber andere Vorbilder hatten wir nicht. Was sollten wir tun? Es blieb uns nichts anderes übrig, als tapfer und ohne Orientierung durch das unerschlossene Territorium zu laufen und nach Lösungen zu suchen.

So begann unsere Suche nach Verbindlichkeit jenseits der Monogamie, die nun schon 16 Jahre lang anhält. Wir fanden das Glück auf Erden und sind dennoch in Höllenfeuer gesprungen. Wer keine monogame Beziehung führen mag, dem bleibt nur die Flucht nach vorn: offen über Bedürfnisse reden, ausprobieren, verwerfen, neu erfinden…. Je früher in einer Beziehung diese Suche beginnt, um so besser. Aus allem, was wir gelernt haben, bleibt das: Redet miteinander, redet, redet, ergründet mutig euch selbst und den anderen und werdet euch selbst gegenüber ehrlich. Dann gibt es eine Chance auf das Paradies!

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