Paardiologie: Wie werden wir authentisch?

Dies ist eine Liebeserklärung an Martin und Charlotte! Wer den Podcast der beiden noch nicht gehört hat, hier kommt eine dicke Empfehlung! Da sitzen zwei Menschen am Mikrophon und reden miteinander über ihre Beziehung. Sie stellen sich gegenseitig Fragen und vereinbaren, dass sie immer ehrlich antworten. Sie reden über ihre Krisen, über ihre Wünsche und darüber, was sie in der Liebe trennt und verbindet. Seit über 16 Jahren sind die beiden ein Paar und sie wollen das, was sich die meisten Menschen wünschen: bis ans Lebensende miteinander glücklich sein.

Dieser Podcast ist deshalb so ungewöhnlich, weil es normalerweise nicht so differenziert und persönlich zugeht. In der Welt der Medien wird abstrakt über Liebe und Beziehung gesprochen. Beziehungstipps, Tricks und Tools werden über das Internet verbreitet. Aber meistens sind die Darstellungen allgemein und unkonkret. Und diejenigen, die ihre glücklichen Beziehungen im Netz zelebrieren und andere damit inspirieren wollen, zeigen in der Regel auch nicht die dunklen Seiten der Liebe, das Chaotische, das Anstrengende. Klar wird zugestanden, jeder habe mal Konflikte, aber wie geht das wirklich, wenn wir streiten? Wenn im Kontakt negative Gefühle entstehen und sich nicht auflösen lassen? Wie funktioniert das genau, dass ich selbst an meinen „eigenen Mustern“ arbeite und meinen Auto-Piloten abstelle? Wie werde ich innerlich frei, reif und authentisch?

Diese Frage beantworten Charlotte und Martin indem sie etwas eigentlich Simples tun: Sie stellen sich gegenseitig unangenehme Fragen. Dabei kommen sie ins Schwitzen, müssen weinen, oder stellen fest, dass sie nicht weinen können. In der Sackgasse entscheiden sie: dies oder jenes will ich ändern. Und so sehr Charlotte ihren Martin mit ihrer wilden und impulsiven Art in Bedrängnis bringt, er würde niemals sagen: Du sollst anders sein. Sie benennen ihre Wünsche, stellen fest, wo sie nicht zu einander passen und suchen nach Möglichkeiten, wie jede und jeder zu seinem Recht kommt. Zwei Individuen. Zwei Perspektiven. Zwei Geschichten.

Die Kunst ist es, beide Seiten als wahr und richtig gelten zu lassen, auch wenn sie einander widersprechen. Ambiguitätstoleranz ist hier das Stichwort: Kann ich Mehrdeutigkeit und widersprüchliche Situationen, ambivalente Deutungen und Handlungsweisen ertragen? Kann ich meine Wahrheit anerkennen und gleichzeitig einsehen, dass der andere eine andere Wahrheit hat? Zu oft verwechseln wir unsere Wahrnehmung mit der Realität. Aber Tatsache ist: Es gibt keine Realität. Es gibt nur Realitäten. Wenn wir das begriffen haben, dann wird Beziehung leichter. Streit wird leichter, denn es geht dann nicht mehr darum, wer recht hat. Sondern es geht dann ausschließlich um die Frage, wie sich etwas aus welcher Perspektive anfühlt und darstellt. Und dann ist die Aufgabe zwischen dem Widersprüchlichen die Verbindung zu suchen. Das ist auch nicht immer einfach, aber es öffnet einen Weg aus der Sackgasse des unproduktiven Streits.

Martin und Charlotte machen Lust auf die Liebe. Sie zeigen, wie auch nach vielen Jahren einer Liebesbeziehung Mut und Bewegung für Lebendigkeit der Liebe sorgt. Und auch wenn Martin gerne mehr Ruhe hätte und sich eine entspanntere Charlotte wünscht, tauschen würde er nie im Leben. Recht hat er.

Danke, ihr beiden, für eure faszinierende Offenheit! Chapeau!

Aufmacherbild: love-CC-by_2Chis R.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.