An alle glücklichen Paare: Liebe braucht Couple Care

Jedes Liebespaar – auch das Glücklichste unter uns – gerät früher oder später in eine Krise. Das liegt in der Natur der Sache. Liebe ist nicht einfach da. Sie will immer wieder neu erschaffen werden. Sie braucht Futter und Aktivität, Entwicklung und Fortbewegung. Liebe ist nicht starr und nicht statisch. Genauso wie wir selbst uns ständig verändern, verändert sich auch die Dynamik innerhalb einer Liebesbeziehung.

Genau genommen ist es sogar ein großes Wunder, wenn Liebe über viele Jahre gelingt, denn es sind schließlich zwei Menschen, die sich verändern und die immer wieder das Verbindende zwischen ihnen beiden finden müssen. Und wir gehen meistens ziemlich unvorbereitet in unsere Liebesbeziehungen. Niemand hat uns beigebracht, was die Liebe braucht.

Da gehen wir viele Jahre zur Schule und lernen keinen einzigen Satz über Bindungsfähigkeit oder Beziehungskompetenz. Wir entwickeln stattdessen blumige Vorstellungen über die romantische Liebe. Irgendwann – so hoffen wir – finden wir unseren perfekten Liebespartner, der uns wortlos versteht und der uns jeden Wunsch von den Lippen abliest. Jenen Seelenverwandten, der einfach gut zu uns ist und der macht, dass alles gut ist. Happy end.

Tatsächlich kann sich am Anfang einer Beziehung die Verliebtheit exakt so anfühlen. Dann schäumen wir über vor Glück, sagen einfach JA und gehen in dieser neuen Verbindung auf. Umso enttäuschender ist der Moment, wenn wir realisieren, dass der Geliebte seine bezaubernde Wirkung auf uns verliert. Wo ist das Glückgefühl hin, das zuvor allein dadurch entstand, dass der Partner zur Tür hereinkam? Wir fangen an uns misszuverstehen oder sind enttäuscht, weil der Partner andere Dinge tut oder sagt, als wir gerne von ihm hätten.

Was ist passiert? Ist die Liebe weggegangen? Oder war es am Ende gar keine „echte Liebe“? Beides ist in der Regel nicht der Fall. Etwas anderes ist passiert: Wir haben übersehen, dass die Liebe Aufmerksamkeit braucht. In gewisser Weise werden wir in der Liebe wie kleine Kinder. Wir wollen vom Partner bzw. von der Partnerin versorgt werden. Er oder sie soll uns das geben, was wir uns schon immer gewünscht haben: bedingungslose Liebe, emotionale Zuwendung und Versorgung, das Ausgleichen der eigenen Schwächen ohne im Gegenzug etwas von uns zu erwarten.

Dazu kommt die eigene Sprachlosigkeit. Wer von uns ist denn in der Lage, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen differenziert wahrzunehmen und adäquat in Worte zu fassen? Wer durfte denn lernen, die eigenen Gefühle situativ und im JETZT wahrzunehmen und unmittelbar zu äußern? Wer hat einen sensiblen Zugang zu sich selbst, der es ihm möglich macht klar und angemessen zu kommunizieren und dafür zu sorgen, dass er seine Wünsche in Kooperation mit dem Partner verwirklicht?

Ja, die wenigsten von uns haben Übung in diesen Verhaltensweisen. Und so ist es kein Wunder, dass sich Enttäuschungen und Missverständnisse an einer langen Kette aufreihen und schließlich zu Ärger, Resignation und gegenseitigen Manipulationsversuchen führen. Wir zerren aneinander rum. Beschuldigen uns gegenseitig und glauben am Ende, die Liebe sei gescheitert.

Was ist nun das Gegenmittel gegen diesen liebestötenden Kreislauf? Die erste und wichtigste Quelle für eine immer wieder neu erwachenden Liebe ist der Dialog zwischen den Liebenden. Dieser Dialog sollte sich auf alles beziehen, was das Leben der Menschen ausmacht: auf Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse, auf Gedanken und Sehnsüchte, auf Stärken und Schwächen.

Der Dialog allein ist jedoch noch nicht die Zauberformel. Was dazu kommen muss, ist der Wille, sich selbst und die Beziehung zu entwickeln. Das bedeutet, dass ich die Verantwortung für meine Gefühle und Verhaltensweisen übernehme und mich selbst besser kennenlerne. Dann erkenne ich, wann ich selbst zu schlechter Stimmung beitrage oder Verantwortung an meinem Partner abgebe und ich lerne, wie ich selbst eine gute und liebevolle Stimmung in mein Leben und in meine Beziehung hineintrage.

Glück und Liebe fallen nicht vom Himmel. Ich selbst kreiere diese Gefühle ganz allein in mir und egal welche Umstände mein Leben für mich bereithält, ich kann positive Gefühle LERNEN. Ich kann eine Praxis der Self Care entwickeln, die meine eigene Liebesfähigkeit wachsen lässt. Und das ist in der Tat die Grundlage für jede glückliche Liebe.

Die Verantwortung für eine gute Stimmung in der Liebe tragen beide Partner zu gleichen Teilen. Daher ist es zentral, dass sich Liebespartner so früh wie möglich mit der Frage konfrintieren: Wie gestalten wir unsere Couple Care? Tun sie das nicht, wird früher oder später die Krise kommen, die sich aus den jeweiigen Verhaltensweisen, Gefühlsmustern und gegenseitgen Erwartungen ergeben. Und in der Regel stellen sich Paare diese Frage viel zu spät. Dann nämlich, wenn die Krise bereits da ist.

Insofern kommt hier eine Einladung an alle Paare ohne Krisen, an alle Frischverliebten, an alle Gesettelten, an alle Glücklichen: Lasst uns über die Liebe reden und unsere Couple Care bewusst und kraftvoll ausstatten. Lasst uns so miteineinander in Beziehung treten, dass wir zusammen unsere Ziele verwirklichen und jeder Einzelne sein Wesentliches finden kann.

Denn stellt euch mal eine Welt vor, in der unsere Beziehungen uns wirklich tragen. In der wir die Menschen sein dürfen, die wir wahrhaft sind. In der wir uns nicht verstellen müssen und in der wir auch emotional statt werden. Wie friedlich diese Welt wäre und wie wunderschön!

Auf die Liebe!

Aufmacherbild: liebe_cc-by-2_Erich-Ferdinand-Flickr