Jede Beziehungsform hat ihren Preis

Manchmal beneide ich Singles. Wenn du nur für dich selbst zuständig bist, tun kannst was immer du möchtest und nur deinen eigenen Dreck wegmachen musst. Das hat was ungemein Schönes. Wenn ich Single wäre, dann würde ich heute vielleicht tanzen gehen. Oder ein Buch schreiben. Egal, ich würde das tun, wonach mir mein Herz gelüstet. Ich würde das Leben mit all seinen Angeboten anschauen und mir das Lustigste daraus aussuchen.  

Na klar, der Nachteil liegt auch auf der Hand. Es ist einfach schön, wenn jemand auf dich wartet. Wenn du einen festen Bezugspunkt hast und da jemand ist, mit dem du alles teilen kannst. Genau wie jede andere Beziehungsform hat das Single-Leben Vor- und Nachteile. Oft glauben die Leute, dass ich die polyamore Lebensweise für die beste halte. Stimmt aber gar nicht. Es ist nämlich eine höchst individuelle Frage, welche Vor- und Nachteile ich für mich wähle. Außerdem kann sich unsere Neigung in dieser Frage im Laufe des Lebens immer wieder ändern.

Die Monogamie hat verlockende Vorteile. Ich muss mich nicht fragen, ob mein Partner vielleicht eine andere Person, oder zumindest den Sex mit ihr, toller findet als mich. Es steht eben fest: Wir haben uns füreinander entschieden und darüber muss ich mir keinen Kopf machen. Viele Lebensthemen lassen sich als monogames Paar erst mal leichter klären. Ich kann mich darin sicher fühlen. Ich kann viele Dinge als erledigt betrachten und muss mir darum keine Gedanken machen. Zumindest solange alles irgendwie läuft. Und auch wenn ich im monogamen Modell manchmal ahne, dass es Unsicherheiten gibt, ich kann mir doch weitestgehend sicher sein, dass ich einen festen Bezugspunkt im Leben habe. Das gibt Schutz.

Der Nachteil ist, dass Sicherheit letztlich doch oft eine Illusion ist. Denn natürlich kann es mir passieren, dass mein Partner fremdgeht, dass er es heimlich tut. Das größte Risiko besteht nämlich darin, dass häufig diese Themen ausgeklammert werden, weil wir als monogames Paar meist gar nicht darüber reden, ob es da vielleicht Bedürfnisse gibt, die sich innerhalb der Beziehung nicht befriedigen lassen. Diese Möglichkeit allein macht manchmal schon unheimlich viel Angst. Je größer aber der Bogen ist, den wir als Paar um unerfüllte Bedürfnisse machen, und je tabuisierter die Lust auf andere Menschen ist, umso größer die Gefahr, dass Heimlichkeiten entstehen.

Ganz besonders zeigt sich dieser Nachteil im Sexleben. Denn das monogame Beziehungsmodell führt oft dazu, dass der Sex zwischen den Partnern irgendwie reduziert stattfindet – oder sogar ganz aufhört. Guter Sex fällt nicht vom Himmel. In der Phase der Verliebtheit ist Sex einfach. Aber danach müssen wir uns darum kümmern, müssen was dafür tun. Das geht auch in monogamen Beziehungen. Selbstverständlich. Aber es hilft ungemein, wenn Paare zumindest offen miteinander darüber reden. Wenn Sex mit Dritten stattfindet, kommt ein Paar gar nicht darum herum, über Lust und Bedürfnisse zu sprechen – Nichtmonogamie zwingt die Menschen in einer Beziehung deshalb zu einem Dialog, der in monogamen Beziehungen nicht immer selbstverständlich ist.

Ich selbst habe Phasen von Monogamie erlebt und offenere Phasen. Was mich überrascht hat, war, dass die Öffnung meiner Beziehung für diese Themen, für einen ehrlichen und tiefen Austausch darüber, meine gefühlte Sicherheit in meiner Beziehung sogar erhöht hat. Denn das, worüber ich nicht rede, kann ein Eigenleben entwickeln und es wirkt ohne mein Zutun irgendwo im Unbewussten. Die Öffnung hat mir zeigt, dass Sicherheit dadurch wächst, dass ich mich offenbaren kann und mit all meinem Innenleben von meinem Partner angenommen werde.

So etwas gelingt aber natürlich nicht von alleine. Wenn wir wirklich gute Beziehungen wachsen lassen wollen, dann müssen wir unsere Maßstäbe überprüfen, unsere Umgangsformen erweitern, unsere Gefühlsmuster verändern. Da wartet jede Menge Arbeit. Und das ist ganz klar der Nachteil einer polyamoren Beziehungsform. Ich muss mich konfrontieren und mich meinen Ängsten und Unsicherheiten stellen, und ich muss radikal Verantwortung für mich selbst übernehmen. Das ist nicht jedermanns Sache. Versteh ich voll.

Gleichzeitig macht mir dieses Nachdenken über Beziehung deutlich: Egal wie das Modell aussieht, es lohnt sich immer, sich um mehr Authentizität und Echtheit, um mehr Verbindung zu sich selbst und Kompetenz in Bezug auf uns und unsere Wünsche zu entwickeln. Und mit Sicherheit profitieren auch alle Singles von einem tieferen Zugang zu sich selbst.

Es ist also nicht die Frage, wie monogam oder offen du deine Beziehung lebst, sondern welche Möglichkeiten und Grenzen du deinem inneren Erleben geben willst.

Aufmacherbild: Mich-beißt-ein-Pferd_cc-by-2_Magdalena-Roeseler_Flickr.jpg