Welche Regeln sind sinnvoll, wenn ich über Offenheit in der Beziehung sprechen will?

Die Frage nach sinnvollen Regeln wird häufig gestellt und gerade ganz am Anfang sind Paare sehr an der Erstellung eines Regelkatalogs interessiert. Das ist nachvollziehbar, denn der Austausch über Regeln hilft beim Sprechen und er gibt ein Gefühl von Sicherheit. Allerdings sind zwei Dinge hierbei wichtig: Erstens sind Regeln nicht ein für alle Mal gültig. Sie müssen immer wieder neu besprochen und verändert werden. Denn das Leben verändert sich. Bedürfnisse verändern sich und was für das eine Paar als kluge Regel hilft, ist dem anderen Paar eine unpassende Einschränkung. Zweitens warne ich davor, die Sinnhaftigkeit von Regeln zu überschätzen. Denn Regeln sind solange sinnvoll, solange sie nicht wirklich benötigt werden. Eines Tages wird eine Regel gebrochen werden (das kann ich beinahe garantieren) und genau das kann dann zu einem schweren Gefühl von Betrug und Verrat führen.

Wichtiger als Regeln sind daher aus meiner Sicht grundsätzliche Prinzipien, nach denen sich ein Paar auf der Suche nach dem eigenen stimmigen Beziehungsmodell orientieren kann – gilt übrigens für alle, ob nun monogam oder anders:

Ehrlich werden

Jeder von uns hat gelernt zu lügen. Manchmal sind Lügen sinnvoll, manchmal schützen sie uns oder andere, manchmal verletzten sie. Es geht hier nicht um eine moralische Frage. Es geht um etwas anderes: Durfte ich im Laufe meines Lebens lernen, meine Gefühle und Gedanken auszusprechen, so wie ich sie situativ wahrnehme? In welchem Maße muss ich mich selbst belügen, weil ich sonst meine inneren Diskrepanzen nicht aushalte? Wie geübt bin ich darin, mir selbst gegenüber ehrlich zu sein? Und kann ich mich mit allem, was da in mir ist, einem Anderen anvertrauen oder befürchte ich sofort bewertet oder abgelehnt zu werden? Wenn ihr euch in eurer Beziehung etwas richtig Gutes schenken wollt, dann schenkt euch einen Raum, um innerlich ehrlich zu werden. Hört auf, euch selbst oder gegenseitig zu verurteilen, schaut neugierig und offen da hin, wo sich das Leben abspielt. Innen drin.

Verantwortung übernehmen

Die radikalste Veränderung, die ich bei mir selbst und anderen Menschen jemals wahrgenommen habe, ist die Übernahme von Verantwortung für die eigenen Gefühle. Egal was passiert, du bist immer verantwortlich dafür, wie du dich verhältst und welche Gefühle dein Gehirn für dich produziert.

Umgekehrt kannst du dich auf den Kopf stellen: Du hast niemals einen Einfluss darauf, welche Gefühle dein Partner oder deine Freundin in einer Situation erlebt. Wenn wir das wirklich verstehen, dann ändert sich unserer Beziehungsleben radikal. Denn dann können wir uns nicht gegenseitig beschuldigen und die Verantwortung für unser Wohlgefühl an jemand anderen abgeben. Dann müssen wir selbst ins Handeln kommen und Entscheidungen so treffen, dass sie Gutes bewirken. Da wo früher Vorwürfe waren, wird Anteilnahme und Empathie entstehen.

Einvernehmen herstellen

Grundsätzlich dient der Dialog dazu, dass ihr euch über das einigt, was ihr gemeinsam ausprobieren wollt. Ihr müsst nicht dasselbe wollen. Es reicht, wenn ihr jeweils für das formulierte Bedürfnis eine Lösung suchen wollt. Das bedeutet, dass ich grundsätzlich mal bereit bin nach einer möglichen Befriedigung zu suchen, auch wenn ich mir im Augenblick nicht vorstellen kann, dass mein Mann z.B. eine andere Frau küsst oder meine Frau 4 Tage allein an die Ostsee fährt. Wenn da ein Widerstand ist, dann ergründet gemeinsam worin dieser Widerstand besteht. Seid mutig auf der Suche nach Erkenntnis. In der Fantasie ist alles erlaubt. Aber nicht jede Fantasie muss auch gelebt werden. Gönnt euch als Orientierung die Gewissheit des gegenseitigen Einvernehmens.

Grenzen achten

Polyamorie bedeutet nicht, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Schließlich geht es in der Liebe darum, in gute Beziehungen zu kommen und ich schade einer Beziehung erheblich, wenn ich unkontrolliert Grenzen missachte. Wenn deine Grenzen wiederholt missachtet werden, dann kann das ein Zeichen dafür sein, dass du nicht den richtigen Partner an deiner Seite hast oder die Konstellation nicht stimmt. Bitte nimm deine Grenzen ernst und äußere sie. Es geht nicht darum, dass die Polyamorie irgendetwas von dir verlangt oder zumutet. Du selbst bist der Maßstab und du selbst definierst deine Grenze. Mal ist die Grenze hier, mal ist sie dort. Wer A sagt, muss nicht B sagen. Und wer einmal A sagt, muss nicht erneut A sagen, wenn es aus subjektiven Gründen nun mal nicht stimmt.

Trial & Error

In der Fantasie können sich Dinge aufregend oder im Gegenteil bedrohlich anfühlen. Aber erst wenn du es ausprobierst, wirst du fühlen wie du das ganz persönlich wahrnimmst. Du kommst daher nicht drum rum, einfach mal was zu riskieren. Manchmal stellst du erst hinterher fest, ob etwas richtig oder falsch für dich war. Manchmal probieren Paare etwas aus, was für einen der Partner oder sogar für beide nicht gut war. Das ist ganz normal. Nimm es als Erfahrung. Schau, was ihr beim nächsten Mal anders machen wollt und halte dich nicht zu lange daran fest. Der Irrtum gehört zum Versuch dazu und manchmal tun Versuche weh. Shit happens.

Sexuelle Gesundheit und Vorsorge

Safer Sex ist ein Muss. Leider ist dieses Thema immer noch stark tabuisiert und zu viele Menschen gehen hohe Risiken ein. Mach dir bitte bewusst: Du trägst nicht nur für dich selbst Verantwortung, sondern auch für alle deine Sexualpartner. Daher gilt: Sprecht über dieses Thema, lasst euch bitte regelmäßig testen und vor allem vermeidet ungeschützten Sex. Auch Oralverkehr ist bitte nur mit getesteten Personen erlaubt. Es ist nicht trivial und das Risiko ist real, wenn du das Thema nicht ernst nimmst. Also, frage am besten gleich am Anfang eines Dates: Wann war dein letzter Test und was hast du testen lassen? Eine einfache und unschuldige Frage, die dich schützen wird. Und bevor du selbst irgendwelche Abenteuer startest: Ab zum Arzt und lass dich testen!

Aufmacherbild: Die Grundregel derLiebe_cc-by-sa-2_Stefan-Blechschmidt-Flickr