Wie und wofür öffne ich eine Beziehung?

In unserer romantischen Vorstellung von Liebe ist ganz häufig die Idee verknüpft, dass ich nur einen Menschen lieben und begehren kann und es gibt den weit verbreiteten Glauben, dass eine Liebe nicht echt ist, wenn plötzlich das Begehren für einen anderen auftaucht. Allein dadurch fühlen sich Menschen bedroht und sie glauben, dass die Zweier-Liebe dadurch entwertet wird. Das ist aber ein großer Irrtum.

Nur weil ich plötzlich Schmetterlinge im Bauch habe oder meine Lust erwachen spüre, heißt das nicht, dass die Liebesgefühle für meinen Partner automatisch schwächer werden oder ich mich innerlich abwenden muss. Sich selbst einzugestehen, bestimmte Bedürfnisse zu haben, ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer Intensivierung deiner Beziehung.

Und das ist die erste Hürde für Paare: Zu erkennen, dass das Hingezogensein zu jemand anderen die Liebe zu meinem Partner in keinster Weise schmälern muss. Es passiert gar nichts schlimmes, wenn mein Mann mit einer anderen Frau schläft. Das was passiert, ist, dass mein Partner eine schöne Begegnung hatte, sich glücklich und gewollt fühlt und diese schöne Energie zu mir zurückbringt. Ich hab somit auch was davon. Das ist aber eine Erfahrung, die ich erst mal machen muss, bevor ich das glaube.

Und das zweite ganz große Ding ist das Thema Eifersucht. Denn die ist ja das erste, was auftaucht, wenn nur der Gedanke an fremde Begegnung am Horizont erscheint.

Eifersucht ist ein scheußliches Gefühl. Wobei es sich gar nicht um ein bestimmtes Gefühl handelt, eher um ein Gefühlsgemisch, aus der heraus der eifersüchtige Mensch eine ganze Sammlung von negativ besetzen Gefühlen erlebt: Verlustangst, Wut, Verzweiflung, Selbsthass…

Und dennoch ist meine grundsätzliche Haltung: Eifersucht ist ein Geschenk. Eifersucht ist eine durch und durch wertvolle Erfahrung, die uns sehr viel über uns beibringen kann, wenn wir uns für sie öffnen.

Zum Umgang damit empfehle ich jedem Paar drei Schritte:

Erster Schritt: Eifersucht als Tatsache anerkennen. Eifersucht ist ohnehin Teil unserer Erlebniswelt. Wenn wir gegen diese Tatsache ankämpfen, machen wir es uns schwerer als nötigt. Es wird einfacher, wenn Eifersucht im ersten Schritt einfach mal da sein darf. Bei uns selbst und bei unserem Partner.

Zweiter Schritt: Eifersucht ist ein extrem anstrengender Zustand. Es ist nicht schön, eifersüchtig zu sein und der eifersüchtige Mensch braucht Solidarität, braucht Zuwendung. Mein Mann und ich leben die Regel: Wer eifersüchtig ist, der kommt auf den roten Teppich. Der wird verwöhnt und umsorgt. Schließlich geht uns in der Eifersucht das Gefühl verloren, dass wir geliebt werden und das kann nur abklingen, wenn wir im Gegenteil Zuwendung spüren und nicht abgelehnt werden für unsere Gefühle.

Dritter Schritt: Die Eifersucht konfrontiert uns mit den Wunden unseren Lebens. Sie zeigt uns unsere eigenen Minderwertigkeitsgefühle, unsere Ängste, unsere selbstdestuktiven Verhaltensweisen. Diese Wunden sind ja im Laufe unseres Lebens entstanden, häufig haben sie ihre ersten Ursachen in unserer Kindheit. Wer sich dem mit offenen Augen und Herzen zuwenden und sich dem Leiden tapfer aussetzen kann, der kann den Spuren folgen und die eigenen unverarbeiteten Themen aufspüren. Und erst wenn mir diese bewusst werden, wenn ich sie in mir finde, dann kann ich alte Konflikte bearbeiten, rund machen, sie auflösen, mich innerlich befrieden und tatsächlich verschwindet dann die Notwendigkeit für Eifersucht.

Wer seine eigene Eifersucht akzeptieren lernt und sich der Mühe stellt, sich damit zu konfrontieren, der wird innerlich wachsen und reifen. Der wird selbstbewusster werden, selbstständiger, emotional weniger fremdgesteuert. Und das ist ein sehr beglückendes Erlebnis.

Die Öffnung deiner Beziehung für diese Themen hat einen sehr großen Einfluss auf die Art, wie du dich als Menschen weiterentwickelst. Diese Art der Öffnung kann ich jedem nur sehr ans Herz legen. Ob ihr dann später herausfindet, dass ihr ein polyamores Beziehungsmodell entwickeln wollt oder nicht, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Das kann nur euer gemeinsamer Prozess zeigen.

Aufmacherbild: CC-by-2_Matthias Erfurt